Die Welt ist ein Dorf

= Der Londoner „Guardian“ über den Widerstand von 100 Abgeordneten der Konservativen Partei gegen ihren Premierminister: „Seit Jahren wird die britische Politik von der ideologischen Fixierung der Konservativen Partei beherrscht, sie ihren schwachen Führern aufzuzwingen. Diese nicht zu bändigende Dynamik hat uns einen harten Brexit beschert und sabotiert nun den Kampf gegen Corona. Einer derart realitätsfernen Partei kann man die Macht nicht anvertrauen. Ein Premierminister, der installiert wurde, um diesen unverantwortlichen Geist zu vertreten, wird niemals in der Lage sein, ihn zu kontrollieren.“

= Nach dem Kentern eines Schlauchboots im Ärmelkanal Ende November mit mindestens 27 Toten schreibt die französische Zeitung „Libération“: „Er hieß Husain, war 24 Jahre alt, kam aus Afghanistan und träumte davon, lange Spaziergänge auf englischen Feldern zu machen, ohne Angst um seine Sicherheit haben zu müssen. Er ist am 24. November im Ärmelkanal gestorben. Sie hieß Maryam. Auch sie war 24 Jahre alt. Sie kam aus dem irakischen Teil Kurdistans und hatte zusammen mit ihrem Geliebten das Projekt, ein Nagel- und Haarstudio auf der anderen Seite des Ärmelkanals zu eröffnen. Sie verlor im gleichen Schlauchboot ihr Leben. Wer waren sie? Woher kamen sie? Wovor flohen sie? Was waren ihre Träume? Was waren ihre Wünsche? Es ist wichtig, die Männer, Frauen und Kinder zu würdigen, die entschieden haben, das Risiko in Kauf zu nehmen. Der Ärmelkanal ist das Grab ihrer Hoffnungen.“

= Eine gute Entscheidung: Israel und Marokko schließen ein Verteidigungsabkommen.

= EU-Statten nehmen 60.000 Afghanen auf. Deutschland bietet 25.000 Schutzbedürftigen Zuflucht.

= Der israelische Ministerpräsident Naftali Bennett besucht offiziell die Vereinigten Arabischen Emirate, um dort über „wirtschaftliche und regionale Fragen“ zu sprechen. Diese Reise ist ein deutliches Signal, dass sich die emiratisch-israelischen Beziehungen weiter verbessern. Beide Länder sind besorgt über das iranische Atomprogramm, über das Netz von Milizen, die von iranischen Revolutionswächtern gelenkt werden, und über deren Arsenal von Raketen und Drohnen. Während sich Israel eine harte Haltung gegenüber dem Regime in Teheran wünscht, haben die Emirate zuletzt auf eine Politik der Entspannung gesetzt.

= Alltag in den USA: In Michigan fielen in wenigen Minuten dutzende Schüsse und vier Kinder waren tot.

= In Afghanistan leiden tausende Menschen – besonders Kinder – an Unterernährung. Die Familien lassen die Kinder oft zurück, um anderswo Arbeit zu finden. Die afghanischen Behörden erschweren Hilfen aus dem Ausland.

= Der ehemalige New Yorker Bürgermeister und Milliardär Michael Bloomberg hat 750 Millionen Dollar für amerikanische Charter-Schulen gespendet und gleichzeitig das staatliche Schulsystem massiv kritisiert: „Dort werden Zeugnisse ausgestellt, die mehr über die Anwesenheit der Schüler als über ihre schulischen Leistungen aussagen.“

= In Argentinien leben so viele deutschstämmige wie idigene Einwohner. Die Vorfahen der Deutschstämmigen waren Nazis, Spieler oder jüdische Flüchtlinge.

 

Peter Hacks: Seit du dabist

Seit du dabist auf der Welt, seit du mit mir lachst und schweigest, seit du mit mir liegst und steigest, seit auf dich mein Jammer fällt.

Und in blöder Tage Lauf kämpfend du mit mir ermüdest, lächelnd, Himmlische, als lüdest du mir eitel Wonne auf.

Weiß ich endlich, was mich hält, daß ich nicht in Tollheit ende. Ganz verbindlich schüttl´ ich Hände, seit du dabist auf der Welt.

M. Kaleko: Temporäres Testament

Nach meinem Tode (Trauer streng verbeten) verlaß ich diesen elenden Planeten. Wenn Plato recht hat – Plato ist mein Mann – : erst wenn man tot ist, fängt das Leben an.

Kapitel Eins beginnt mit dem Begräbnis, der Seele letztes irdisches Erlebnis. Auf meines freue ich mich heute schon! Da gibt es keine Trauerprozession.

Kein Lorbeerkranz vom Bund der Belletristen. Kein Kunstvaein hat mich in seinen Listen, kein Dichtazirkel…… Sagen wir es schlicht: Gesellig war die sanft Entschlafene nicht.

Der Redakteur, den sie einst tödlich kränkte, als er sein Mäntlein nach dem Winde hängte, hat ihren Nachruf lange schon gesetzt. Der schließt: „M.K. war reichlich überschätzt.“

Diverse Damen, deren Herren Gatten zuzeiten eine Schwäche für mich hatten, die werden selber im Regen Schlange stehen, um mich auch wirklich mausetot zu sehen.

 

Kluge Worte

= Mut heißt seiner Furcht gewachsen sein, Vernunft, seine Dummhit einsehen, und Weisheit, seine Torheiten nicht bewundern. (G.B. Shaw)

= Die Liebe ist der Endzweck der Weltgeschichte – das Amen des Universums. (Novalis)

= Ein Problem zu lösen, ist die beste Art, es loszuwerden. (B. Francis)

= Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könnte. (Kant)

= Im Ehestand muß man sich manchmal streiten, denn dadurch erfährt man was voneinander. (Goethe)

= Sei die Veränderung, die du dir für diese Welt wünschst.“ (Gandhi)

= Wie wertvoll ist ein Freund, dessen Anwesenheit dich erfreut und der in deiner Abwesenheit voll des Lobes über dich ist. Der Beleidigungen vergisst und der über Ungerechtigkeiten großzügig hinwegsieht. Welch ein Glück für den, der einen solchen Freund hat. (al-Tawhidi – 10. Jh.)

= Dubiose Tugend aller Revolutionäre: So viel Gefühle für die Menschheit, dass keines mehr bleibt für den Menschen!

= Ich habe mich aus den richtigen Gründen geirrt, wähend Sie und ihresgleichen aus den falschen Gründen recht hatten. (Fundstück)

= Das Denken ist allen Menschen erlaubt, aber vielen bleibt es erspart. (C. Goetz)

 
 

Nicht nur Russland – auch die Europäische Union muss den Beitritt der Ukraine zur Nato unbedingt vermeiden !!

Niemand kann bestreiten, dass der Westen bei den Verhandlungen über die Auflösung der Sowjetunion dem damaligen russischen Präsidenten Gorbatschow zugesagt hat, die Nato nicht an die russische Grenze heranzuführen. Russland würde seine Aufrüstung inclusive Atomwaffen weiter vorantreiben und zusammen mit China einen sehr starken und für Europa gefährlichen militärischen Gegenpool bilden. Die USA sind weit weg und haben mit Irak und Syrien und Lybien u.a. bewiesen, dass sie ohne Rücksicht auf die jeweilige Bevölkerung ihre militärische Power einzusetzen bereit sind. Außerdem verfügen die USA in Europa über zahlreiche militärische Stützpunkte – u.a. in Polen und Deutschland.

China ist militärisch und politisch und wirtschaftlich auf dem Weg zur Weltmacht und China beabsichtigt, die Zusammenarbeit mit Russland weiter voranzutreiben.

Wenn Russland an der Grenze zu Polen oder zur Ukraine militärische Auseinandersetzungen provoziert oder wenn der Westen mit dem Natomitglied Ukraine die Ostukraine (Donezk) besetzt oder die Krim „zurück haben“ will – ist dann die Möglichkeit, dass Europa zum Schlachtfeld eines Dritten Weltkriegs wird, völlig ausgeschlossen?

Die belgische Zeitung „De Tijd“ schreibt zu diesem Thema: „Während Europa die territoriale Integrität der Ukraine wiederherstellen möchte, will Russland seine Grenzen schützen. Wenn die Ukraine beispielsweise der Nato beitreten würde, wäre das ein Szenario, dass an Kuba in den frühen 1960er Jahren erinnert. Damals stationierte Russland Atomsprengköpfe im Hinterhof der USA. Etwas Ähnliches will Moskau nun um jeden Preis verhindern. Das erklärt die militärische Aufrüstung. Wegen all dieser Drohungen wird es immer schwieriger, einen diplomatischen Ausweg zu finden.“

 

Mutige und notwendige Kritik

Der Oberrabbiner Pinchas Goldschmidt hat den früheren Bischof von Regensburg und jetzigen Richter am höchsten Gericht des Vatikan – Gerhard Ludwig Müller – scharf für dessen Verschwörungstheorien kritisiert. Müller sprach von einer geplanten Gleichschaltung der Menschen nach Corona und behauptete, dass hinter den Maßnahmen gegen die Pandemie eine finanzkräftige Elite stecke und erwähnte dabei ausdrücklich den jüdischen Investor George Soros.

 

Destruktive u. ignorante Kritik

Herr Martin Greive vom Handelsblatt kommt mit der Schlagzeile „Bundesregierung XXL – Die aufgeblähte Regierung droht die Koalition eher zu bremsen als zu beschleunigen. Schon vor dieser Stellenvermehrung lag die Zahl der Beamten in den Bundesministerien auf Rekordniveau. Doch zu besserer Politik hat das nicht geführt.“

Deutschland liegt im internationalen Ranking politisch und wirtschaftlich seit vielen Jahren auf den vorderen Plätzen und das t r o t z den Greives dieser Welt !!!

 

Völlig inakzeptables Verhalten der polnischen Regierung und von PiS-Chef Jaroslaw Kaczynski.

Polen liegt im Streit mit der Europäischen Union und ist vom EUGH verurteilt worden, weil die Regierung die Ernennung von polnischen Richtern mitbestimmen will. Ziemlich abgebrüht wollen der Ministerpräsident Morawiecki und Kaczynski mit einer Attacke gegen Deutschland von diesen Problemen ablenken und sogar noch Kapital daraus schlagen. Originalton Kaczynski: „Schwere Prüfungen sind über die Europäer gekommen. Deutschland hat die Karten auf den Tisch gelegt und will den Aufbau eines IV. Reiches. Wir werden das nicht zulassen.“ Außerdem fordern diese Herrschaften von Deutschland Kriegsentschädigungen wegen des 2. Weltkriegs, obwohl allseits bekannt ist, dass dieses Thema völkerrechtlich abgeschlossen ist.

Gleichzeitig lässt die polnische Regierung in Warschau und anderen Städten große Plakate aufhängen, auf denen das Foto von Adolf Hitler im Kreis der deutschen Bundeskanzler seit Konrad Adenauer abgelichtet ist – ganz nach dem Motto: Es hat sich nichts geändert.

Deutsche und polnische und internationale Historiker haben die schweren Verbrechen der Nazis an polnischen Bürgern (Juden und Nicht-Juden) inzwischen weitestgehend aufgearbeitet und dokumentiert. Dabei gibt es so gut wie keinen Dissens bei der Feststellung, dass abseits der Kriegshandlungen hunderttausende Polen von Deutschen bestialisch ermordet wurden.

Auch die Ermordung von einigen tausend Juden und deutschen Vertriebenen durch Polen ist von Historikern erforscht und dokumentiert. Auch hier gibt es keinen Dissens in der Forschung. Allerdings haben alle polnischen Regierungen seit dem 2. Weltkrieg bis heute diese Verbrechen als Lügen oder Erfindungen der deutschen Vertriebenen bezeichnet.

Die Europäische Union ist unsere Zukunft ! Und unser Nachbar Polen gehört dazu ! Deshalb hoffen wir, dass die Hassprediger auf beiden Seiten jetzt endlich schweigen und in Rente gehen und wir Europäer für das nächste Jahrtausend dafür sorgen, dass die Waffen schweigen !

 

Kurz und interessant

= Moore galten früher als unheimlich und überflüssig und wurden trockengelegt. Als CO2-Speicher werden sie jetzt gebraucht und helfen Deutschland, die Klimaziele zu erreichen.

= Hyänen sind Allesfresser und helfen organische Abfälle in Mülldeponien zu beseitigen. In der Stadt Mek´ele in Äthiopien brauchen 200 Fleckenhyänen 40 Nächte, um alle tierischen Abfälle auf den städtischen Flächen zu beseitigen.

= Eine Buchempfehlung: Tony Judt – Das vergessene 20. Jahrhundert – Carl Hanser Verlag

= „Wenn man zwei oder drei Menschen hat, aber was sage ich denn, wenn man nur einen einzigen Menschen hat, dem gegenüber man schwach, armselig und zerknirscht sein darf und der einem dafür nicht weh tut, dann ist man reich.“ (Fundstück)

= „In der Öffentlichkeit entsteht das verzerrte Bild, die Wirtschaft bestimme die Politik. Die größten Lobbygruppen in Brüssel sind aber nicht die Unternehmen, sondern Nichtregierungsorganisationen.“ (BASF-Chef Kurt Bock)

= Erst ab 1896 durften Mädchen das Abitur ablegen, ab 1958 den Führerschein machen. Der Zugriff aufs eigene Bankkonto war bis 1962 von der Zustimmung des Ehemanns abhängig, bis 1977 konnten Männer ihren Frauen verbieten zu arbeiten.

= Es lässt sich nicht behaupten, dass das Weib an Geistestalenten unter dem Manne stehe; aber das lässt sich behaupten, dass der Geist beider von Natur einen ganz verschiedenen Charakter habe. (Johann Gottlieb Fichte)

= Stephen Hawking entwirft die kompliziertesten physikalischen Modelle – aber ein Mysterium lässt ihn nicht los. Dem „New Scientist“ sagte der Kosmologe auf die Frage, worüber er am meisten nachdenke: „Frauen. Sie sind ein komplettes Rätsel.“

= Religion kann nur durch die Reinheit ihrer Anhänger und durch ihre guten Taten verteidigt werden – keinesfalls durch Kampf mit den Anhängern anderer Glaubensbekenntnisse. (M. Gandhi)

= Der Sohn wird 18 Jahre alt und erhält einen Brief seiner Eltern: „Bleib so, wie du bist, chille und zocke so oft es geht, lass alle Klamotten auf dem Boden liegen, sammle leere Flaschen, Geschirr und Gläser auf dem Schreibtisch, helfe nicht im Haushalt und mähe bloß nicht den Rasen! Nur so lieben wir dich! Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag von deiner Köchin, von deinem Chauffeur, deiner Putzfrau, deinem Geldinstitut, deinem Getränkelieferanten und deinem Partyservice. Alles Gute wünschen dir Mama und Papa.“

 

Wie hätte ich mich verhalten ?

Die große Mehrheit der Deutschen lebte in der Nazizeit in der von Primo Levi so genannten Grauzone; sie gehörten weder zu den Menschen, die alles in ihrer Macht stehende getan haben, um Unrecht zu verhindern, noch zu den Verbrechern, die ein mehr oder weniger großes Teilchen in der Mordmaschinerie waren.

Peter Maiwald schrieb das folgende Gedicht:

G r a b s c h r i f t – W a r k e i n M ö r d e r – S a h i h n e n z u – H o b k e i n e H a n d – K a m n i c h t d a z u

Auch ich hätte keine Hand gehoben, wenn ich riskiert hätte, meinen Job zu verlieren oder ins Gefängnis zu wandern oder meine Familie zu gefährden; ich hätte nicht den Mut gehabt, meinen jüdischen Nachbarn zu verstecken oder die Naziregierung in Gesprächen mit Freunden zu kritisieren.

Wahrscheinlich hätte ich mich nicht daran beteiligt, den Hausrat von meinen inzwischen abtransportierten jüdischen Nachbarn zu übernehmen, wie das hunderttausende Deutsche Nachbarn gemacht haben – aber sicher bin ich mir nicht.

Ich will nicht darüber nachdenken, zu welchen Schandtaten ich bereit gewesen wäre, wenn mir im Jugendalter Hass auf die Juden oder Polen oder Franzosen eingetrichtert worden wäre.

Albrecht Haushofer (1903 – 1945) : S c h u l d

„Ich trage leicht an dem, was das Gericht mir Schuld benennen wird: an Plan und Sorgen. Verbrecher wär´ ich, hätt´ ich für das Morgen des Volkes nicht geplant aus eigner Pflicht.

Doch schuldig bin ich anders als ihr denkt, ich mußte früher meine Pflicht erkennen, ich mußte schärfer Unheil Unheil nennen – mein Urteil hab ich viel zu lang gelenkt…..

Ich klage mich in meinem Herzen an: ich habe mein Gewissen lang betrogen, ich habe mich selbst und andere belogen –

ich kannte früh des Jammers ganze Bahn – ich hab gewarnt – nicht hart genug und klar! und heute weiß ich, was ich schuldig war…..“

Albrecht Haushofer schrieb dieses Gedicht in der Berliner Haftanstalt Moabit, als er wegen Beteiligung am Attentatsversuch des 20. Juli 1944 vor Hitlers Volksgerichtshof stand. Ende April 1945, die sowjetische Armee war nur noch wenige hundert Meter entfernt, wurde er von der Gestapo in der Nähe der Haftanstalt erschossen.

Von Beruf politischer Geograph, war Haushofer zunächst Schüler und Mitarbeiter seines Vaters, Professor Karl Haushofer. Dessen Gedanken hatten starken Einfluss auf die nationalsozialistische Osteuropapolitik.

Albrecht Haushofer nutzte seine wissenschaftliche Ausbildung ebenfalls für praktische Politikberatung (Auslandsdeutsche) der Hitlerregierung. Von der Weimarer Demokratie enttäuscht, schrieb er allerdings schon beim Regierungsantritt Hitlers: „Ich kann menschlich mit den neuen Leuten (sowenig) wie Erasmus von Rotterdam mit den Wiedertäufern.“

In den dreißiger Jahren schrieb Haushoder einige heute vergessene historische Dramen. Seine „Moabiter Sonette“ jedoch sind beständige künstlerische Zeugnisse des deutschen Widerstands. „Schuld“ faßt in den beiden letzten Strophen die ganze Tragödie irregeleiteter Intellektueller der Weimarer Zeit und der Nazi-Jahre mit harter Selbstkritik zusammen. Diese Zeilen sind eine unüberhörbare Mahnung an das Gewissen jedes einzelnen Menschen, Unrecht Unrecht zu nennen, nicht wegzuschauen, wo es hinzuschauen gilt, und den Mut zu haben, zu sagen, was man sieht.

 

Paul Ingendaay – Ein kompetenter und humorvoller deutscher Journalist

Ingenday schreibt in der FAZ einen Artikel über die Vereidigung des Kabinetts Scholz, dessen „Regierung ein neues Deutschland verkörpert“.

Einige Zitate aus diesem Artikel:

  • Man kann unsere legendäre deutsche Ernsthaftigkeit gut finden, ja vorbildlich nennen, aber es wäre ehrlich, zuzugeben, dass sie mit einem irritierenden Mangel an Formen und entschiedener Uneleganz einhergeht. Schon klar, Rituale und Pathos sind uns verdächtig, und die historischen Gründe dafür sind so überlebensgroß, dass kaum noch jemand die Frage stellt, ob sie auch nur halbwegs vernünftig sind.
  • Scholz führt seine Partei übrigens immer noch nicht, auch wenn er jetzt im Reichstag mit 395 Stimmen zum neuen Bundeskanzler gewählt wurde; er diszipliniert sie nur, vermutlich mit strategischer Druckpunktmassage. Und möglicherweise ruht das Vertrauen der Bevölkerung in Scholz, das deutlich größer ist als in seine Partei, auf einem Fundament seiner typisch deutschen Tugenden: Seriosität, Realitätssinn und Trockenheit bis zum Verbiesterten.
  • Am Tag, als Scholz zum Bundeskanzler gewählt und er und sein Kabinett vereidigt wurden, konnte man Erstaunliches erleben. Eine gewisse Freundlichkeit lag in der Luft, und am Ende wurde gegen die Abstandsregeln parteiübergreifend intensiv gedrückt, geherzt und umarmt. Der deutsche Parlamentarismus ist modellhaft in seiner stilbildenden Kraft, nichts Geringeres, und eine junge Generation von Abgeordneten verkörpert Werte wie Sachlichkeit und Kooperationsbereitschaft kaum weniger eindrucksvoll als die Älteren. Nicht nur die Amerikaner, auch viele Europäer beneiden uns darum. Das Zusammenrücken dreier demokratischer Parteien zu einem fast buddyhaften Arbeitsbündnis, das zu sensationell sachorientierten, diskreten und inhaltlich überzeugenden Koalitionsverhandlungen führte – wer hätte sich das zu träumen gewagt?
  • Gegen den gemeinsamen Gegner AfD haben die anderen Parteien begriffen, dass die demokratische Mitte breiter ist, als sie früher einmal dachten. Die Feierstunde des Parlaments ließ der selbststilisierte Außenseiter AfD deshalb missgelaunt über sich ergehen. Zum Erscheinen von Angela Merkel am Morgen dieses großen Tages vermerkte die Website des Deutschen Bundestages: „Die Abgeordneten mit Ausnahme der AfD-Fraktion erhoben sich von den Plätzen und dankten der noch geschäftsführenden Bundeskanzlerin mit lang anhaltendem Applaus.“ Die Störenfriede werden also struppig und ruppig bleiben wie bisher. Alle anderen dagegen machen eine gute Figur und mehren die Ehre des hohen Hauses, das jetzt eine neue Etappe vor sich hat.